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Der Jazzpianist Herbie Hancock träumt im LEBEN der ZEIT

DIE ZEIT Nr. 22

An meine Träume erinnere ich mich fast nie. Wenn ich aufwache ist alles weg. Aber ich habe bestimmte Wünsche. Starke Wünsche. Ich betrachte mich als Student des Lebens. Die schwerste Kunst ist die Kunst zu leben. Sie ist schwerer zu erlernen als jedes Instrument. Wenn wir Kinder sind und neue Fähigkeiten erlernen, zum Beispiel Fahrrad zu fahren, gehen wir ein echtes Risiko ein. Niemand, der zum ersten Mal auf ein Fahrrad steigt, schafft das, ohne ein paar Mal zu stürzen und sich die Knie aufzuschlagen.

Herbie HancockWenn wir aber älter werden, fürchten wir, uns lächerlich zu machen. Wir haben diese Tendenz, immer nach Schuld zu suchen. Wir konzentrieren uns auf die negativen Seiten und erleben uns als Opfer der Umstände. Wir bekommen Angst vor den Risiken, die nötig sind, um etwas über das Leben zu lernen. Für viele Menschen ist das Leben eine Reihe von Hindernissen, die sie mühevoll überwinden, statt darin Chancen zum Lernen zu erkennen.

Ich wünsche mir mehr von dieser kindlichen Lernbereitschaft. Es gab ein Schlüsselerlebnis in meinem Leben: Das war 1972 und hat mit Buster Williams zu tun, dem damaligen Bassisten in meiner Band. Wir sollten in Seattle, Washington, spielen und waren, wie so häufig auf Tournee, völlig übermüdet. Wir hatten definitiv nicht das für einen Auftritt nötige Energie-Level. Das erste Stück, das ich für diesen Abend ausgesucht hatte, begann mit einem Basslauf. Ich würde normalerweise ein Konzert nicht mit einem so weich klingenden Instrument wie dem Kontrabass eröffnen. Auch heute würde ich lieber mit etwas anfangen, dass mehr Drive hat. Aber an dem Abend hatte ich mich aus irgendeinem Grund für Toys entschieden, das eben mit einem improvisierten Bass-Solo beginnt. Buster fing an zu spielen. Und wie aus dem Nichts begann er, eine phänomenale Musik zu schaffen. Es war kraftvoll. Voller Drama und Lebensenergie. Jeder, die Band und das Publikum, war vollkommen weg.

Nach diesem Intro merkte ich, dass ich wieder die Kraft hatte. Wir spielten ein unglaubliches Konzert. Die Leute weinten. Sie kamen zur Bühne, um unsere Hände zu schütteln, sie sagten: Wir haben diese Musik nicht gehört, wir haben sie erfahren. Das hatte ich noch nie jemanden sagen hören. Ich wusste, das alles kam von Buster und seinem Intro. In der Garderobe sagte ich ihm: "Ich weiß, du beschäftigst dich gerade mit einer neuen Philosophie oder so etwas. Wenn es dich so Bass spielen lässt, möchte ich wissen, was es ist." "Ich habe gechantet", sagte er, "Nam-Myoho-Renge-Kyo."

Ich muss dazu sagen, dass der einzige Weg, wie Buster und ich bis dahin miteinander klarkamen, die Musik war. Plötzlich aber erzählte er mir Dinge aus seinem Herzen. Seine weiteren Antworten berührten tiefer liegende Dinge, die ich gar nicht gefragt hatte. Ich war beeindruckt. "Einfach nur Nam-Myoho-Renge-Kyo?", fragte ich. "Sonst nichts?" Er sagte: "Es hat funktioniert. Ich musste dir nicht mal davon erzählen. Du bist es, der mich danach fragt." Ich wollte wissen: "Funktioniert es auch ohne Glauben?" Und er sagte: "Tu es einfach. Ungefähr 200 Millionen Menschen tun es. Es funktioniert. Das ist ein Gesetz."

Buster hatte damals selbst noch nicht so viel Erfahrung, aber er war der Erste, der mir diese Dinge nahe gebracht hat. Mittlerweile bin ich seit 30 Jahren praktizierender Buddhist. Ich chante jeden Tag. Es gibt natürlich nicht nur diese eine Zeile. Es gibt eine Zeremonie, die sich "Hartes Üben" nennt. Dazu gehören Teile der Lotus-Sutra und auch stille Gebete. Sie drehen sich um Wertschätzung. Wertschätzung für die Kräfte des Universums und das Leben. Für einen Musiker kommt der Moment der Wahrheit immer auf der Bühne. Und seit ich diese Wahrheit auf der Bühne erlebt habe, begleitet sie mich. Die Musikindustrie hat im Allgemeinen, wie alle Industrien, weniger damit zu tun, Wahrhaftigkeit zu schaffen, als Geld zu verdienen.

Aber Musik ist ein Weg zur Wahrheit. Ich glaube, die stärkste Musik ist die, die man macht, weil man sie teilen will. Nicht aus einem Geist des Wettbewerbs heraus. Es geht um Vertrauen. Vertrauen in dich und andere. Und um eine Harmonie mit den Kräften des Augenblicks. Besonders natürlich im Jazz. Im Jazz erkennt man seine Gefühle in dem Augenblick, in dem man sie spielt.

So weit ich weiß, war der einzige Musiker in unserer Familie ein Onkel meines Vaters. Onkel Jack, den ich nie kennen gelernt habe; er lebte um die Jahrhundertwende und war Jazzmusiker. Mein Vater wurde 1910 geboren, voriges Jahr ist er gestorben. Ich sehe ihn immer noch deutlich vor mir. Als ich zur Welt kam, hatte mein Vater einen Lebensmittelladen in Chicago. Das war während des Zweiten Weltkriegs. Er wurde zur Armee eingezogen. Er verkaufte den Laden übereilt und viel zu billig. Kurz darauf wurde eine Bestimmung erlassen, dass Väter mit Familien und Kindern nicht zur Armee mussten. Der Laden war weg. Er musste noch mal ganz von vorn anfangen. Er arbeitete als Metzger, fuhr Taxi und Bus. Den größten Teil seines Lebens aber war er ein staatlicher Fleischkontrolleur.

Chicago war damals das Zentrum der Fleisch verarbeitenden Industrie in den USA. Mein Vater hatte keine Zulassung als Veterinär. Doch obwohl er immer Arzt hatte sein wollen, liebte er diesen Job. Er besorgte sich Fachliteratur und lernte alles, was ein richtiger Tierarzt wissen musste. Einmal hat er sogar Milzbrand bei einer Kuh festgestellt. Das passiert selten, weil es nicht einfach zu erkennen ist, und es war sehr aufregend für ihn. Ich bin sicher, er hat dadurch einige Leben gerettet. Mein Vater hat nicht aufgehört zu lernen, bis er letzten Sommer, mit über 90 Jahren, von uns ging.

Als ich sieben Jahre alt war, schenkten meine Eltern uns ein Klavier. Meine beiden Geschwister und ich begannen zur selben Zeit, Unterricht zu nehmen. Nach zwei oder drei Jahren gaben die beiden anderen auf. Aber ich lernte schnell und gab bald Konzerte. Ob ich ein Wunderkind war? Ich war einfach ein Kind, das Klavier spielte. Mein erster Lehrer spielte Orgel in unserer Kirche. Doch mein musikalischer Zugang kommt nicht gerade aus der Kirche, sondern beruht auf einer gründlichen Ausbildung. Auf Studium und Wissen.

Ich spielte viele Jahre Klassik, aber mit 13, 14 Jahren kam der Jazz, der mich weit über die analytische, intellektuelle Seite der Musik hinausbrachte. Musik sollte nicht nur von Herzen kommen, sondern auch dort entstehen. Trotzdem habe ich mich lange Zeit nur als Musiker gesehen, ehe ich mich als ganzen Menschen erkannte. Musiker - das ist etwas, das ich tue. Nicht, was ich bin.

Ich bin Musiker, wenn ich spiele, höre oder darüber rede. Aber ich bin auch ein Sohn, ein Vater, ein Ehemann, ein Bürger, ein Freund. Wenn es etwas gäbe, das ich meinen Traum nennen würde, dann ist es der Wunsch, ein ganzer Mensch zu sein. Einer, der es schafft, das Leben anderer zu bereichern, statt nur das zu tun, was viele Leute unter Musik verstehen: das Virtuose. Dahin hat mich der Buddhismus gebracht. Ich habe gelernt, mit anderen zu teilen. (Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke)

Herbie Hancock, 61, ist eine Legende des Jazzpianos. Bereits im Alter von von elf Jahren trat er mit dem Chicago Symphony Orchestra auf. Mit 21 bekam er einen Vertrag beim Label Blue Note und schrieb Hits wie Watermelon Man, Cantaloope Island oder Maiden Voyage. Als Weggefährte von Miles Davis betrieb er die Öffnung des Jazz in Richtung Rock und landete mit dem immens erfolgreichen Album Chameleon schließlich sogar in der Disco. Mitte der achtziger Jahre dockte er mit Future Shock erfolgreich an den HipHop an. Hancocks Name steht auf etwa 200 Alben.

DIE ZEIT Nr. 22 vom 23. Mai 2002

(2002-05-23)

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