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Von der Ermordung des Dr. Jazz

Spurensicherung von Robert Dabelstein

Von der Ermordung des Dr. Jazz, eines ehrenwerten Bürgers der Freien und Hansestadt Hamburg

In Hamburg geht es dem echten Jazz an den Kragen: sein Tod ist zugunsten des Pop-Kommerz aus geklonten Eintagsfliegen geplant. Ein Jubiläumsgeschenk besonderer Art, nachdem sich vor 50 Jahren, 1949, hier die erste Jazzband formierte und eine musikalische Bürgerbewegung ungeahnten Ausmaßes auslöste.

Doch jetzt ist diese Musik im Kommerzgetriebe an der Elbe zu einem Störfaktor geworden, was sich durch die vollständige und nicht mehr fortzuleugnende Abschottung, dem Boykott vor allem hanseatischer Printmedien gegenüber dieser Musik zeigt: Seit Jahrzehnten ist Jazz aus Hamburg im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verboten und seit etlichen Jahren findet kein einziges Jazzereignis aus den Bereichen traditionell, Swing oder Mainstream (und noch gibt es sie) in irgendeiner Form Resonanz bei Hamburger Tageszeitungen - es sei denn durch als Redaktionsteil getarnte ganzseitige Anzeigen (von 'Universal'), mit fehlerhaften Pflichterinnerungen an Duke Ellington oder beim Abgesang auf den sich vom NDR verabschiedenden Jazz-Quälgeist Michael Naura. Jeder Versuch, die Redaktion z.B. des 'Hamburger Abendblatts' (die als wohl bedeutendste Tageszeitung an der Elbe in den 70er Jahren Mitinitiator und Mitverdiener der Hamburger Jazz-Szene war) zu Berichten oder auch nur zu Hinweisen auf Konzerte dieser Richtungen zu bewegen, wird harsch abgewiesen. "Diese Musik fällt bei uns durch's Raster", lautet die Zurückweisung.

Da mag das englische Syd Lawrence Orchestra im ausverkauften CCH oder beim traditionellen Theaterball spielen, da kann Peter 'Banjo' Meyer ein 40jähriges Bühnenjubiläum mit internationalen Top-Musikern seiner European Jazz Giants feiern oder Pianist Joja Wendt ebenso die Musikhalle füllen, Alan Harris und Diana Krall im Birdland auftreten und hochkarätig besetzte Konzerte im "Mariott" stattfinden, es gibt weder vorher noch nachher eine einzige Zeile der Berichterstattung.

Sogar wenn der "Cotton Club" - bemerkenswert wohl nicht nur für Hamburg sein 40jähriges Bestehen feiert, ist es den Zeitungen nicht eine einzige Zeile wert. Und so wurde auch in der aufwendigen Serie '50 Jahre Hamburger Abendblatt' geflissentlich jegliche Erwähnung der Jazz-Szene vermieden inklusive der einst durchaus spektakulären Gastspiele von Louis Armstrong und Lionel Hampton. "Es gilt nun mal das generelle Jazzverbot, was kann ich dagegen tun", resignieren darauf angesprochenen Redakteure unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

Unter den 'CDs der Woche' (Hamburger Abendblatt) ist seit Jahren nicht ein einziger swingender Titel genannt worden - und so werden auch nicht die hier entstehenden Produktionen der inzwischen weltweit unter den First-Class-Jazz-Labeln rangierenden Nagel-Heyer-Records erwähnt. Selbstverständlich finden auch die wenigen Bücher über Jazz keine Resonanz, wie z. B. die Louis Armstrong-Biographie des Hamburger Trompeters und Bandleaders Abbi Hübner. Und auch wenn sich das 'Abendblatt' Exemplare von Klaus Neumeisters 'And Our Hearts In New Orleans', eine Dokumentation über den Jazz in der Hansestadt (Vorwort von Hamburgs Kultursenatorin Christina Weiss), anfordert und erhält - rezensiert wird sie nicht.

Auch unter den im gleichen Blatt regelmäßig avisierten "Konzerten des Monats" findet sich nicht ein einziges Mal etwas aus dem Jazzbereich, jedenfalls nichts, das die Chance hätte, Zuschauer vom hofierten Wegwerf-Pop und Boy-Group-Schwachsinn fortzulocken.

Als 1997 spontan rund ein Dutzend Hamburger Bands zusammenkamen, um einen Benefiz-Jazz-Frühschoppen zum Erhalt der Arbeitsplätze der Bavararia-Brauerei im CCH zu veranstalten, gab es den Anstoss zur Gegenwehr. Wurde doch auch dieses Ereignis von den Hamburger Tageszeitungen bis auf wenige Zeilen verschwiegen, vom Rundfunk ohnehin. Die 'Hamburger Morgenpost' erdreistete sich sogar zu behaupten, sie unterstütze die Aktion - doch das war reine Irreführung, die 'Welt am Sonntag' verwies die 'Oldtime Freunde' zu einer zeitgleichen Mini-Veranstaltung, 'Hamburger Abendblatt' und 'Die Welt' ignorierten die Solidaritäts-Aktion vollständig.

Das nun war vor allem für die beteiligten Musikern ein nicht mehr übersehbares Signal und führte dazu, den inzwischen gemeinützigen Verein Swinging Hamburg e. V. zu gründen. Dieser jetzt fast 300 Mitglieder umfassende Zusammenschluß von Musikern und Jazzfreunden hat sich zum Ziel gesetzt, den für die Hansestadt und seine Kultur in den letzten 50 Jahren so bedeutsamen Jazz in den traditionellen Formen zu fördern, ihn vor allem der Jugend zu vermitteln. Angesicht der völligen Abschottung der Tageszeitungen keine leichte Aufgabe. Doch es zeigen sich - quasi unter Ausschluß einer sicherlich interessierten Öffentlichkeit - erste positive Ergebnisse. So z. B. in Jugendbands, die bei den Veranstaltungen des Vereins auftreten, und bei Jugendlichen, die in etablierten Bands erste Auftrittsmöglichkeiten geboten bekommen und hier u. a. zum ersten Mal erfahren, wie Jazzchorusse im traditionellen oder Swing-Stil entstehen. Dabei arbeitet der Verein zusammen mit Schulen und dem Landesmusikrat, mit dem man in diesem Jahr zum zweiten Mal die Veranstaltung 'Hamburg jazzt' organisiert. Das war schon 1998 ein Großereignis mit rund 1.200 jungen Musikern, die an etlichen Plätzen der City, in Bahnhöfen und fahrenden U-Bahnen aufspielten, aber trotz umfassender Vorbereitung und Bewerbung nur minimale Erwähnung in den Zeitungen fanden - für viele der zum Teil sehr jungen Jazzer eine arge Enttäuschung.

Swinging Hamburg hat dazu noch weitere Aktivitäten aufzuweisen und die Gelegenheit erfaßt, die besonders in Norddeutschland musikalisch völlig ver(bl)ödete Radiolandschaft zumindest am Sonntag wieder mit swingenden Klängen aufzufrischen: Der Verein wurde Mitbegründer und Mitglied beim gemeinnützigen Hamburger Lokalradio und gestaltet dort seit Januar 1998 rund ein Viertel des 24 Stunden-Programms, das nach professionellen Vorgaben (und mit den Nachrichten der "Deutschen Welle") werbefrei produziert wird und großen Anklang findet. Dabei erfahren die Zuhörer nicht nur regelmäßig die Konzert-Daten der Hamburger Clubs und werden über neue CDs informiert. "Mit unseren Specials über Red Norvo, Tal Farlow, Bix Beiderbecke, Buck Clayton, historische Blues-Sängerinnen, John Kirby, die Heroen der Skiffle Musik und Hamburger Bands - moderiert und gestaltet von Hamburger Musikern wie Ladi Geisler, Günter Fulisch, Volker Reckeweg, Karin Marciniak, Abbi Hübner, Jost Münster, Peter 'Banjo' Meyer, Klaus Neumeister u. a. haben wir die Klänge ans Tageslicht geholt, die bisher gar nicht oder vor grauer Vorzeit bestenfalls zu spätester Nachtzeit im öffentlich rechtlichen Rundfunk zu hören waren. Doch dort sind sie neben anderem wie z. B. Country Musik oder Chansons bis auf einen kläglichen Rest zur Nacht völlig eliminiert worden. "Es ist derzeit die einzige Chance, diese kreative und abwechslungsreiche Musik auch jüngeren Menschen nahezubringen", so Gerhard Klußmeier, verantwortlicher Redakteur der Jazz-Programme. "Und jetzt haben wir auch die ärgerliche Verweigerung der Verfechter moderneren Jazz, bei uns mitzumachen, durch Eigeninitiative gelöst. Zum einen konnten wir den Mainstream-Experten Steve Hamelink zu regelmäßiger - und von den Hörern spontan und überwältigend angenommener - Präsentation dieser Richtung gewinnen. Zum anderen haben sich Arne Hasecker und auch Volker Reckeweg dieser Richtung angenommen - doch immer mit für die Tageszeit geeigneter Musik, was wir für besonders wichtig halten. Den Vorwurf, ein Dixie- und Swing-Radio zu sein, was nie stimmte, sich aber gut machte und vehement schon zu Zeiten der Jazz-Welle gegen die Initiatoren erhoben wurde, konnten wir nicht zuletzt damit zurückweisen."

Bleibt noch anzumerken, daß die Hamburger Zeitungen (inkl. der Szene-Blätter) weder über den Verein Swinging Hamburg und seine Aktivitäten noch über das Hamburger Lokalradio oder die bemerkenswert aktive 'New Swing Generation' auch nur eine einzige Zeile geschrieben haben. Der zielgerichete Boykott ist also perfekt in konzertierter Aktion inszeniert - doch sollte man wohl besser sagen: Der Umerziehungsprozeß der Jugendlichen zu ausschließlichen Konsumenten des Kommerzpop à la 'Radio Hamburg' oder 'Radio nrj' (Energy) wird konsequent betrieben, denn diese Art von Entertainment wird ausgiebig mit Werbetexten der Platten-Industrie überall redaktionell hofiert - so auch die zu 90 % aus Pop-Acts bestehenden sogenannten Jazz-Festivals (Westport, Fabrik), deren Falschmünzerei nun auch einem Autor der 'Welt' aufstieß: "Jazz-Veranstalter ... organisieren Festivals an denen Jazz nur noch der Name ist. Jazz ist damit eine geklärte Sache: die Musik, die bei einem Jazz-Fest läuft, also Musik, die irgendwie mit Jazz in Verbindung gebracht werden kann."

Doch das nun ist gewiß kein ausschließlich hanseatisches Thema etwas, das übrigens in den 50er und 60-er Jahren die Jazz-Kenner zu heftigen Protesten veranlaßt hätte.

Robert Dabelstein

(1999-11-12)

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